07. August 2026
Als Gulnoza Zokirjonova im Sommer 2023 in den Zug nach Lindau stieg, wusste sie nicht, ob sich die Reise lohnen würde. Elf Stunden würde sie unterwegs sein. Einmal quer durch Deutschland, für ein Vorstellungsgespräch, das eine Stunde dauern sollte. Die Menschen in ihrem Umfeld hatten ihr abgeraten. Zu weit, zu aufwendig, zu unsicher. Wahrscheinlich werde daraus ohnehin nichts. Gulnoza fuhr trotzdem. Denn es ging um mehr als einen Ausbildungsplatz.
In wenigen Wochen würde ihr Au-pair-Jahr enden. Fände sie keine Ausbildung, müsste sie zurück nach Usbekistan. Zurück in das Dorf nahe Taschkent, in dem sie aufgewachsen war. Zweitausend, vielleicht dreitausend Menschen leben dort: ihre Eltern, ihr jüngerer Bruder, Verwandte und Nachbarn. Ein Ort, an dem jeder jeden kennt, die Möglichkeiten für junge Menschen aber begrenzt sind. Arbeit gibt es nur wenig, und wer etwas anderes will, muss fortgehen.
Gulnoza war bereits einmal fortgegangen. Zunächst nach Taschkent, in die Hauptstadt, wo sie zwei Jahre lang Energieversorgung in Landwirtschaft und Wasserwirtschaft studiert hatte. Doch sie spürte, dass dieses Studium nicht ihr Weg war. Sie wollte mit Zahlen arbeiten, mit Technik, vielleicht Informatik oder Mathematik studieren.
Deshalb ging sie 2022 mit 20 Jahren ganz allein für ein Au-pair-Jahr nach Deutschland. Der Plan: Fuß fassen und ein Studium beginnen. Doch das Deutschland, das sie kennenlernte, sah anders aus als das Land, das sie sich vorgestellt hatte. Sie hatte an moderne Städte, Hochhäuser und eine dichte Infrastruktur gedacht. So wie in Taschkent, wo große Gebäude und breite Straßen das Bild prägen.
In Deutschland war sie ausgerechnet in einem Dorf nahe Bremen mit acht Häusern gelandet. Zum nächsten Sprachkurs waren es rund 30 Kilometer. Ohne Auto war er kaum erreichbar. Freunde oder Anschluss zu finden, war schwierig. Sie betreute zwei Kinder und versuchte gleichzeitig, eine Sprache zu lernen, die sie für alles brauchen würde, was danach kommen sollte.
Also lernte sie online. Neun Monate lang, intensiv. Als Gulnoza nach Deutschland gekommen war, hatte sie Grundkenntnisse auf A1-Niveau. Am Ende des Au-pair-Jahres schaffte sie B1. Für ein Studium reichte das nicht. Dafür brauchte sie C1, fortgeschrittene Sprachkenntnisse, eine Stufe unter der von Muttersprachlern.
Aber auch die weiteren Anforderungen waren hoch: Sie hätte zunächst ein Studienkolleg besuchen und nachweisen müssen, dass sie ihren Lebensunterhalt selbst finanzieren konnte. Mehr als 12.000 Euro hätten dafür auf einem deutschen Konto liegen müssen. Eine Voraussetzung, die selbst viele deutsche Studienanfänger kaum erfüllen könnten.
Eine Ausbildung war die realistischere Möglichkeit. Mit einem Ausbildungsvertrag und einem eigenen Einkommen waren die Hürden niedriger. Also begann Gulnoza, sich zu bewerben. Fünf Monate lang, von Deutschland aus, bei Unternehmen im ganzen Land.
Fast immer kam eine Absage. Oft kam gar nichts.
Dann stieß sie auf PANTOPIX.
Nach einem ersten Onlinegespräch wurde sie nach Lindau eingeladen. Das Unternehmen übernahm Fahrt und Übernachtung. Trotzdem war die Reise ein Wagnis. Sie führte ans andere Ende des Landes, weit weg von ihrer Au-pair-Familie und in eine Region, die sie nicht kannte. Für Gulnoza fühlte sich die Einladung wie die letzte offene Tür an.
Im Gespräch saß sie Mitarbeitenden aus Geschäftsführung, Personal und Office gegenüber. Man zeigte ihr das Büro, erklärte die Ausbildung und sprach mit ihr über ihren bisherigen Weg. Das Team war beeindruckt davon, wie schnell sie Deutsch gelernt hatte. Gulnoza selbst rechnete dennoch nicht mit einer Zusage. Sie hatte schon zu viele Absagen erhalten. Auf der Rückfahrt hoffte sie trotzdem.
Einige Tage später kam der Anruf: Sie bekam den Ausbildungsplatz. Nun musste alles schnell gehen. Ihr Aufenthaltstitel war an das Au-pair-Jahr gebunden, das bald enden würde. Sie beantragte eine neue Aufenthaltserlaubnis und benötigte eine Arbeitserlaubnis, um die Ausbildung beginnen zu dürfen. Für Gulnoza hing an diesem Ausbildungsplatz mehr als ihre berufliche Zukunft. Er entschied mit darüber, ob sie in Deutschland bleiben konnte.
In ihrem Fall ging es ungewöhnlich schnell: Nach etwa zwei Wochen erhielt sie eine vorläufige Arbeitserlaubnis. PANTOPIX stellte ihr für den Anfang eine Wohnung zur Verfügung. Wenige Tage später begann ihre Ausbildung.
Das Ankommen im Unternehmen fiel ihr leichter als das Ankommen im Land. Bei einem gemeinsamen Essen lernte sie das Team kennen. Die Kolleginnen und Kollegen nahmen sie offen auf. Leicht wurde die Ausbildung trotzdem nicht. In der Berufsschule musste Gulnoza nicht nur neue Inhalte lernen, sondern oft auch die Sprache dahinter entschlüsseln: Fachbegriffe, Geschäftsprozesse, juristische Formulierungen.
Kurz nach Ausbildungsbeginn verließ ihre ursprüngliche Ausbilderin das Unternehmen, und Gulnoza hatte Angst, ihre Ausbildung könne gefährdet sein. Schließlich übernahm Ilka Dalibor die Betreuung, absolvierte kurzfristig den Ausbilderschein und begleitete sie durch die restliche Ausbildungszeit. Denn eines war klar: Gulnoza sollte unbedingt die Möglichkeit haben, ihre Ausbildung bei PANTOPIX fortzusetzen.
Gulnoza lernte weiter. Nach der Arbeit, am Wochenende, im Sprachkurs. Im letzten Ausbildungsjahr besuchte sie zusätzlich drei Monate lang dreimal pro Woche einen zweistündigen C1-Vorbereitungskurs. Es war ein Pensum, bei dem wenig Raum für Erholung blieb.
Am leichtesten fielen ihr die Zahlen. Kaufmännische Steuerung und Controlling wurde ihr stärkstes Fach. Hier musste sie nicht lange nach Worten suchen. Die Logik war eindeutig. Eine Rechnung stimmte oder sie stimmte nicht. Mathematik war schon in der Schule ihre Stärke gewesen. Zwischen der fünften und elften Klasse hatte sie regelmäßig an Wettbewerben teilgenommen, auf regionaler Ebene mehrfach gewonnen und später auch überregional zu den Besten gehört.
Am Ende schloss sie ihre Ausbildung mit der IHK-Note 1,7 ab.
Heute arbeitet Gulnoza bei PANTOPIX als Assistenz im Bereich Finanzen und Controlling. Genau dort, wo sie ihre größte Stärke gefunden hat. Sie möchte sich weiterbilden, vielleicht berufsbegleitend studieren oder später eine Weiterbildung zur Bilanzbuchhalterin absolvieren.
In Deutschland ist Gulnoza inzwischen angekommen. Sie geht gern an Seen und in die Berge. Sie mag die Natur, das Grün und die milderen Temperaturen. Ganz selbstverständlich ist ihr Leben hier trotzdem nicht. Als Nicht-EU-Bürgerin muss sie ihr Bleiberecht immer wieder neu nachweisen. Obwohl eine Ausbildung gerade dazu dient, eine Nachwuchskraft gezielt für den eigenen Bedarf zu qualifizieren und anschließend weiterzubeschäftigen, musste PANTOPIX gegenüber den Behörden mehrfach erläutern, weshalb der Ausbildungsplatz und auch der spätere Arbeitsplatz nicht mit einer deutschen oder europäischen Bewerberin besetzt worden war.
Gulnoza kennt diese Fragen. Und sie kennt das Gefühl, für dieselbe Chance oft mehr leisten zu müssen. Die Sprache, die Bürokratie, die vielen Absagen – leicht war ihr Weg nicht. Heute ist sie trotzdem froh, damals in den Zug gestiegen zu sein.
Bei PANTOPIX sind wir stolz darauf, wie Gulnoza ihren Weg gegangen ist. Sie hat sich in kurzer Zeit nicht nur fachlich entwickelt, sondern auch mit großer Ausdauer, Disziplin und Offenheit ihren Platz im Unternehmen gefunden. Wir schätzen sie heute als verlässliche Kollegin, die mitdenkt, Verantwortung übernimmt und unser Team fachlich wie menschlich bereichert. Umso mehr freut es uns, dass sie ihren beruflichen Weg bei PANTOPIX fortsetzt.
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